Komm, schönes Kind (Rilke)


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Komm du, mein schönes Kind,
laß dich umfangen,
nur einen Kuß geschwind,
still‘ mein Verlangen!
Zauderst du immer noch
mir ihn zu geben?…
’s ist keine Sünde doch,
lieben ist leben!
Frag nicht, was morgen ist,
nütze die Stunden,
denke, die kurze Frist
ist rasch entschwunden.
Schön ist der Augenblick,
möcht gern ihn bannen,
doch sieh das falsche Glück
flieht rasch von dannen.
Uns winkt jetzt noch der Mai
mit frohen Reigen –
Ob ich dir ewig treu …
das wird sich zeigen!
Forsch‘ nicht mit Sorg und Qual,
ob es so bliebe,
sagt ich doch tausendmal,
daß ich dich liebe.
Laß nicht vorüberziehn
den Traum, den süßen,
so lang die Rosen glühn
kannst du genießen!

Rainer Maria Rilke

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