Liebesgedichte von Eduard Mörike
Eduard Mörikes Liebesgedichte zählen zu den Höhepunkten deutscher Liebeslyrik. Sie sind gefüllt von den unterschiedlichsten Facetten des Liebeslebens, eine bunte Farbenpracht der Gefühle. Traurig bis heiter, spitzfindig bis tiefgründig, Mörikes Liebesgedichte vermögen zu verzaubern. Mensch und Natur, Realität und Traum, Mörikes Liebesgedichte bieten eine Vielzahl verschiedener Motive. Mal sind es reizende Gemälde, mal schalkhafte Liebesgedichte. Stets frisch und ohne überbordende Schwülstigkeit.
Eduard Mörike wurde 1804 in Ludwigsburg geboren. Er starb 1875 in Stuttgart. Neben seiner Tätigkeit als Dichter war Mörike auch Pfarrer. Einige sehen ihn als einen typischen Vertreter der Biedermeier-Zeit.
Mörike war auch als Übersetzer tätig und übersetzte eine Vielzahl griechischer und römischer Gedichte ins Deutsche.
Keine Rettung
Kunst! o in deine Arme wie gern entflöh ich dem Eros!
Doch du Himmlische hegst selbst den Verräter im Schoß.
Zwiespalt
Hassen und lieben zugleich muß ich. – Wie das? – Wenn ichs wüßte!
Aber ich fühls, und das Herz möchte zerreißen in mir.
Leben und Tod
Sucht das Leben wohl den Tod?
Oder sucht der Tod das Leben?
Können Morgenröte und das Abendrot
Sich auf halbem Weg die Hände geben?
Die stille Nacht tritt mitten ein,
Die sich der Liebenden erbarme!
Sie winkt: es flüstert: »Amen!« – Mein und dein!
Da fallen sie sich zitternd in die Arme.
Zitronenfalter im April
Grausame Frühlingssonne,
Du weckst mich vor der Zeit,
Dem nur in Maienwonne
Die zarte Kost gedeiht!
Ist nicht ein liebes Mädchen hier,
Das auf der Rosenlippe mir
Ein Tröpfchen Honig beut,
So muß ich jämmerlich vergehn
Und wird der Mai mich nimmer sehn
In meinem gelben Kleid.
Leichte Beute
Hat der Dichter im Geist ein köstliches Liedchen empfangen,
Ruht und rastet er nicht, bis es vollendet ihn grüßt.
Neulich so sah ich, o Schönste, dich erstmals flüchtig am
Fenster,
Und ich brannte: nun liegst heute du schon mir im Arm!
An Luise
Ists möglich, ferne von der Süßen
So fort zu leben, so verbannt?
Nur über Berg und Tal zu grüßen,
Und nicht ein Blick, nicht eine Hand?
Da ist es wahrlich oft ein Jammer
So manchen lieben, langen Tag,
Bis mir bei Nacht auf meiner Kammer
Einmal ihr Geist erscheinen mag.
Sie setzt sich lächelnd zu mir nieder,
Es brennt ein ruhig Licht dabei,
Sie sagt mir alte gute Worte wieder
Und sagt mir, daß sie meine sei.
Jedem das Seine
Aninka tanzte
Vor uns im Grase
Die raschen Weisen.
Wie schön war sie!
Mit den gesenkten,
Bescheidnen Augen
Das stille Mädchen -
Mich macht‘ es toll!
Da sprang ein Knöpfchen
Ihr von der Jacke,
Ein goldnes Knöpfchen,
Ich fing es auf -
Und dachte Wunder
Was mirs bedeute,
Doch hämisch lächelt‘
Jegór dazu,
Als wollt er sagen:
Mein ist das Jäckchen
Und was es decket,
Mein ist das Mädchen,
Und dein – der Knopf!
Frage und Antwort
Fragst du mich, woher die bange
Liebe mir zum Herzen kam,
Und warum ich ihr nicht lange
Schon den bittern Stachel nahm?
Sprich, warum mit Geisterschnelle
Wohl der Wind die Flügel rührt,
Und woher die süße Quelle
Die verborgnen Wasser führt?
Banne du auf seiner Fährte
Mir den Wind in vollem Lauf!
Halte mit der Zaubergerte
Du die süßen Quellen auf!
Lied eines Verliebten
In aller Früh, ach, lang vor Tag,
Weckt mich mein Herz, an dich zu denken,
Da doch gesunde Jugend schlafen mag.
Hell ist mein Aug um Mitternacht,
Heller als frühe Morgenglocken:
Wann hättst du je am Tage mein gedacht?
Wär ich ein Fischer, stünd ich auf,
Trüge mein Netz hinab zum Flusse,
Trüg herzlich froh die Fische zum Verkauf.
In der Mühle, bei Licht, der Müllerknecht
Tummelt sich, alle Gänge klappern;
So rüstig Treiben wär mir eben recht!
Weh, aber ich! o armer Tropf!
Muß auf dem Lager mich müßig grämen,
Ein ungebärdig Mutterkind im Kopf.
